Die dümmste Kuh von Vetschau

Die dümmste Kuh von Vetschau

Vorgetragen von Peter Johannes Droste bei der Fenstereröffnung am 5. Dezember 2015

Es war an einem kühlen Adventssonntag. Familie Noppeney saß um den gedeckten Kaffeetisch. In der Mitte stand der Adventskranz; die erste Kerze brannte. „Sollen wir etwas spielen?”, fragte Leonie, die Jüngste der Familie. „Och nö”, brummte Marie, die mit fünfzehn die älteste Tochter war und auf Kaffeetrinken und Gesellschaftsspiele mit der Familie gar keine Lust hatte, „hört bloß auf! So was Uncooles!”, setzte sie nach. „Au ja, lass uns ein Quiz spielen!” rief Jochen das Sandwich-Kind, der einzige Sohn der Familie. „Ihr mit euren intellektuellen, gruppendynamischen Labereien. Wir müssen in der Schule beim doofen Müller schon immer Tabu und so ´nen Zeugs spielen, weil das angeblich Spaß machen soll”, maulte Marie weiter, die noch sauer war, weil die Eltern ihr die Teilnahme an der Vorabiparty ihrer älteren Freundin verboten hatten. Mutter Steffi griff ein um die sonntägliche Idylle zu retten: „Wir sitzen hier doch so schön gemütlich, Pappi kommt gleich aus einem Arbeitszimmer und dann können wir doch war Nettes zusammen machen”.

Über dem Haupt von Marie stieg eine virtuelle schwarze Wolke auf, sie verdrehte die Augen. „Ich habe eine Idee”, rief Leonie. „Ich stelle euch ein Rätsel und ihr müsst durch Fragen die Lösung  herausbekommen. Ich muss dann aber wahrheitsgemäß mit „Ja” oder „Nein” antworten. „Wie originell!”, blaffte Marie die kleine Schwester an. Beleidigt drehte Leonie sich um. Sie war aber viel zu schlau um jetzt nachhaltig zu brummen. Wenn sie nämlich jetzt weinte, würde Mama mit Marie schimpfen, die dann wiederum beleidigt auf ihr Zimmer rennen und damit die Runde sprengen würde. Mama würde schließlich hinterherlaufen und Jochen und Papa nach einem stummen Nicken die Sportschau einschalten. Kurz und gut: die Chance auf ein Quiz wäre vertan.

„Okay” murmelte das Nesthäkchen. Hier kommt mein Rätsel: „Wer ist die dümmste Kuh von Vetschau?”. Mutter Steffi, die den möglichen Streit wohl ebenso vorgeahnt hatte und froh war, dass es dazu nicht gekommen war, wusste, dass ihre Kleine ganz schön zickig sein konnte. Sie warf deshalb ein: „Aber Leonie, so redet man doch nicht über Mitbürgerinnen”, jetzt war Jochen aufgewacht und grinste über die Formulierung seiner Mutter, die als Deutschlehrerin und ehemalige Emanze, wie er fand, immer „a bit too much” um „political correctness” bemüht war. Marie hingegen blitzte wütend in Richtung Leonie und pflichtete ihrer Mutter bei. „Das war aber keine Frage” konterte Leonie, die sich wiederum freute, dass sie ihre Germanistenmutter bei einer grammatikalischen Fehlleistung ertappt hatte. „Aber es geht doch gar nicht um eine Frau …”, spielte Klein-Leonie jetzt die Unschuldige. „Na hör mal…”, kam jetzt Marie, die seit dem Spätsommer einen Biologie-Leistungskurs am Anne-Frank-Gymnasium besuchte, „Kühe sind Tiere, Viecher aus der Spezies Bovini und sind eine Gattungsgruppe der Hornträger, lateinisch: Bovidae. Sie sind zwar Herdentiere und verfügen über eine gewisse Intelligenz, aber die kann man wohl kaum messen. Woher willst du wissen, welche die Dümmste ist?”.

„Endliche eine Frage, wenn auch mit einer langen, wikipediamäßigen Einleitung. Es handelt sich hier auch gar nicht um ein lebendes Tier!” triumphierte die Jüngste.

„Moment Mal”, meldete sich jetzt Vater Erik, der inzwischen, vom Kaffeeduft und der diskutierenden Familie  aus seinem Arbeitszimmer herausgelockt worden war. Er saß inzwischen auf dem Sofa, blickte auf das prasselnde Kaminfeuer und stopfte seine gebogene Bruyere-Pfeife. „Ich fasse jetzt ´mal zusammen und kombiniere”. Leonie strahlte, sie hatte gewonnen, alle machten jetzt mit. „Also es ist keine Frau, kein Tier, demnach  kein Lebewesen”, dachte er laut. „Genau, aber das war wieder keine Frage!”, schob Leonie siegesgewiss nach. „Wie groß ist sie denn?” fragte der Vater „Ja” antworte Leonie, die jetzt stolz war, das alle neugierig geworden waren. „Okay”, lächelte Vater Erik, und korrigierte: „Ist sie groß?”, „Nein!” kam es engagiert zurück. „Steht sie auf der Wiese?” fragte Steffi. Vom blonden Lockenköpfchen kam erneut ein Nein.

„Welche Farbe hat sie?”, wollte Jochen wissen. „Merkste selbst, oder?” gab Leonie zu bedenken. „Okay, ist sie schwarz-weiß?”, wieder ein Nein und die Korrektur der großen Biologenschwester: „das heißt schwarzbunt oder rotbunt du Vogel”. „Sie könnte aber doch auch schwarz sein…”. „Genau!” rief Leonie und biß sich beinahe gleichzeitig vor Wut auf die Zunge. „Na Schwesterchen? War das ein Ja?”. Die Kleine nickte beleidigt.

Erik setzte die Tasse ab und sagte in Richtung seiner Frau: „Ich glaube ich brauche jetzt einen Glühwein zur Inspiration”. Jochen biss in eine Printe und dachte laut: „sie kann nicht laufen?”. Die Schwester nickte. „Ist sie immer draußen?”  Wieder ein Nikken. „Sie ist kein Bild oder Foto?” erneutes Nicken, er schien der Sache auf der Spur zu sein. „Auch nicht so ein kitschiges Plastikvieh in einem Vetschauer Garten?” gab sich Marie betont gelangweilt. Leonie schüttelte selbstbewusst den Kopf. „Ist aber gar keine schlechte Idee”, warf sie ein, was ihr einen überheblichen Blick der älteren Schwester einbrachte. „Können wir sie denn sehen?” – „Im Prinzip schon…”, auch Leonie war jetzt ganz dabei und achtete nicht mehr streng auf die Regeln, „aber von hier aus nicht”. „Klar, sie ist doch draußen”- „Genau, du Hirn!”.

Plötzlich durchzuckte es Jochen. „Sie ist über uns!“. „Genau! Woher weißt du das?“, Leonie ahnte, dass ihr Bruder hart an der Lösung war. „Sie kann sich drehen und ist aus Metall!“. Alle, außer Leonie, blickten ihn fragen an: „Es ist die Wetterfahne auf dem Niersteiner Hof, der Vetschauer Burg!“.

***

Auf einmal spürte ich eine gewisse Röte in mir aufsteigen. Ich war entdeckt worden. Ein wenig geschmeichelt, aber auch ein bisschen beleidigt ob des zugesprochenen Superlativs von „dumm“ (was ja nicht sehr schmeichelhaft ist), drehte ich mich zweimal im Wind. Selbstverständlich konnte das kleine Mädchen nicht ahnen, dass Wetterfahnen und Wasserspeier  ein den Menschen verborgenes Leben führen.  Ich bin keineswegs allein im Aachener Norden: Es gibt die drei Kollegen auf den Kirchtürmen von St. Laurentius, St. Martinus und St. Heinrich. Diese Gockel sind aber sehr hochnäsig, weil sie Glocken „unter sich“ haben. Vor ein paar Wochen habe ich sie geärgert mit der Frage: „Warum sind auf den Kirchtürmen immer Hähne und keine Hühner? Das sei doch schließlich frauenfeindlich“. „Damit der Scholy nicht die Eier aus der Dachrinne holen muss“ krächzte darauf der Hahn von St. Martinus. „Respekt!” gab ich zurück und wurde mit der Frage konfrontiert: „Weißt du auch warum Kühe nicht fliegen dürfen?“. Nun, obwohl ich die dümmste Kuh von Vetschau sein soll, stellt ich eine Gegenfrage: „Hast du dir schon mal die Vogelscheiße auf den Autodächern angesehen?“. Jetzt herrschte wieder Gleichstand zwischen uns. Trotzdem drehten wir uns gegenseitig unsere Hinterteile zu. Das geht nicht? Wetterfahnen richten sich immer nach dem Wind? Das kann schon einmal täuschen, da der Wind in verschiedenen Höhen aus unterschiedlichen Richtungen weht?

Das sind Halbwahrheiten. So doof wie die Vetschauer Windräder sind wir nicht! Wir arbeiten schließlich nicht für euch! Immerhin sind wir besondere Wetterfahnen. Wir sitzen auf einem Turm. Vor 15 Jahren wäre der Turm beinahe umgefallen. Ich habe zitternd alles mit ansehen müssen!  Danach wurde viel geredet, aber auf mich hört ja keiner. Die Menschen halten mich bekanntlich für dumm. Zum Glück ist jetzt alles wieder repariert. Manche sagen die Vetschauer Burg, wie mein Haus auch genannt wird, sähe künstlich aus. Jedenfalls ist das Wahrzeichen des Dorfes wieder hergestellt und ich sitze als Krönung oben drauf!

Auch das mir benachbarte Segelschiff auf der Villa am Bahndamm sitzt auf einem Türmchen. Ein Schiff am Bahnhof? Wer hat sich das wohl ausgedacht? Zudem  können Schiffe bekanntlich nicht sprechen. Am anderen Ende des Dorfes gibt es aber ein goldenes Pferdchen, das auf dem Dach sitzt und sich lustig im Wind dreht. Wir sprechen uns ab und  überwachen die beiden Dorfeingänge. Über die Bocholtzer Straße kommt ja kaum einer und irgendwo müssen sie schließlich das Dorf wieder verlassen.

Es gibt aber auch einfache Wetterfahnen, z.B. auf dem Gut Burg und in Huf. Die drehen sich tatsächlich bloß und zeigen stumpf die Windrichtung an. Wir vertreten aber die Kühe und Pferde, die  einmal dominant in Vetschau waren. Sie hatten die Mehrheit, ganz zu schweigen vom Federvieh, für das die klerikalen Kollegen auf den Kirchtürmen stehen. Erst im Laufe der Zeit nahm die Bevölkerung zu und die Tiere wurden zur Minderheit. Dennoch sollten die Menschen uns nicht unterschätzen: Wir sehen schließlich alles. Zugegeben: im Zeitalter von Google-Earth, wissen auch die Menschen, wie die Welt von oben aussieht. Aber sie gucken nur ab und zu ins Internet und sehen alte Bilder. Wir sehen alles life!  Anders als unsere modernen Kollegen, die Webcams, zeichnen wir aber nichts auf. Wir behalten alles für uns. Verschwiegenheit gehört zum Berufsethos.

Nur die wenigsten Bewohner des Dorfes wissen, dass wir es geschafft haben das ganze Dorf in eine 30kmh-Zone zu verwandeln. So können wir euch besser sehen!  Ja wir kennen euch doch: den schnellen Hans, die flotte Mariele, die fixe Magdalena und die Amiene, die nie ihr Auto abschließt. Die großen Autos vom Guido und seinen Freunden aus der Bocholtzer Straße kann man ja wohl kaum übersehen.  Ganz zu schweigen von den Cabriofahrern: Aki und  Marlene sowie Eva und Werner.  Wir kennen die Roller, Fahrräder und die Traktoren vom Willi, vom Ingo und den Lohndreschern, die oft genug schneller als 30 kmh im Dorf fahren! Keine Angst! Wir wissen auch, was passiert, wenn im Dezember um kurz vor sechs die Menschen über die einzigen beiden Straßen von Vetschau spazieren um sich irgendwo zu sammeln. Bewaffnet mit Bechern und dicken Mützen treffen sie sich in irgendeiner Garage oder einem Innenhof. Meint ihr wir könnten nicht riechen, was ihr da treibt?

Ein Stunde später trotten alle wieder zurück in ihre Heimstatt. Das goldene Pferdchen und „die dümmste Kuh von Vetschau” sind stolz, dass, obwohl wir keine Glocken „unter uns” haben, unsere „Untergebenen” unserem stillen Rufe folgen um sich zu treffen, wenigstens in der Vorweihnachtszeit. Und wenn ihr in Zukunft unter uns vorbeifahrt, dann könnt ihr ruhig mal grüßen. Denkt daran! Wir passen auf und die kleine Leonie hat jetzt dafür gesorgt, dass ihr uns nie mehr vergesst!

***

„Schatz, dein Glühwein ist der Beste” schnurrte Erik vor dem Kamin, in dem das restliche Holz verglühte, „das sagst du nur, weil du beim Adventskalendertreffen schon drei Becher hattest und auf den Geschmack gekommen bist!”, gab Steffi lächelnd zurück.  „Ok, dann werde ich noch einen Becher trinken müssen um meine Aussage noch einmal zu überprüfen. Die dümmste Kuh von Vetschau kann ja hier nicht ´reingucken”. Lächelnd ging der Vater an das geöffnete Fenster, blickte ins vorweihnachtliche Vetschau, erspähte die Kuh auf dem Niersteiner Hof und sog den vom Süsterfeld her wehenden Südwind ein, der leicht nach Printen roch. „So geht Weihnachten”, dachte die dümmste Kuh von Vetschau und drehte sich genüßlich auf ihrem Turm.

Foto: Magdalena Leyser-Droste, Vetschau 2015

Foto: Magdalena Leyser-Droste, Vetschau 2015